Warum Trauerbegleitung?
„Die Trauer selbst ist ein Heilmittel.“ (William Cowper)
Trauer ist nicht das Problem, das es zu lösen gilt. Sie ist eine unserer menschlichen Möglichkeiten, mit Verlusten und tiefgreifenden Veränderungen leben zu lernen.
Sie hilft uns, das Unbegreifliche nach und nach in unser Leben aufzunehmen, eine veränderte Beziehung zum verstorbenen Menschen zu finden und uns in einer Wirklichkeit zurechtzufinden, die plötzlich eine andere geworden ist.
Trauer kann schmerzhaft und überwältigend sein. Und gleichzeitig ist sie eine Fähigkeit, die uns Menschen zur Verfügung steht. Sie muss deshalb nicht möglichst schnell beseitigt oder überwunden werden. Sie darf wahrgenommen, gewürdigt und gelebt werden.
Trauer hat viele Gesichter

Trauer kann sich auf ganz unterschiedliche Weise zeigen. Gefühle können sich widersprechen, sich abwechseln oder gleichzeitig da sein. Es gibt kein Gefühl, das in der Trauer sein muss – und keines, das nicht sein darf.
„Manchmal ist Überleben schon viel.
Und manchmal ist es alles, was gerade möglich ist.“ (Gabi Becker)
Es muss nicht sofort darum gehen, wieder zu funktionieren, nach vorne zu schauen oder dem Geschehenen einen Sinn zu geben. Manchmal besteht die ganze Kraft eines Menschen zunächst darin, einen weiteren Tag zu bewältigen.
Trauer geschieht nicht isoliert
Wir leben in Beziehungen und in unterschiedlichen sozialen Systemen. Auch der Mensch, der gestorben ist, hatte darin viele Rollen. Er war vielleicht Partner oder Partnerin, Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter, Bruder oder Schwester, Freund oder Freundin, Kollege oder Kollegin – und vieles mehr.

Derselbe Mensch ist gestorben – und doch ist für jeden eine andere Beziehung betroffen. Jede dieser Beziehungen hat ihre eigene Geschichte.
Deshalb kann Trauer nicht losgelöst von der Biografie eines Menschen, seinen Beziehungen und seinem sozialen Umfeld betrachtet werden.
Trauerbegleitung braucht Haltung
Sie braucht Würdigung, Uneitelkeit und Augenhöhe. Die Würdigung eines Menschen mit seiner eigenen Biografie, seinen Beziehungen und seiner ganz persönlichen Geschichte mit dem verstorbenen Menschen.
Sie braucht ein Gegenüber, das nicht vorgibt zu wissen, was richtig ist. Das zuhört und aushält, etwas anbieten kann und ebenso bereit ist, sich zurückzunehmen.
Der trauernde Mensch bleibt Experte für sein eigenes Leben und seine eigene Trauer. Er entscheidet, was hilfreich ist, was gerade möglich ist und welchen Weg er gehen möchte.
Autonomie und Selbstwirksamkeit zu erhalten und zu stärken, gehört zu guter Trauerbegleitung.
Raum für das Hin- und Herschaukeln
Trauer verläuft nicht geradlinig. Es gibt Tage, an denen der Schmerz alles bestimmt, und andere, an denen das Leben wieder mehr Raum bekommt. Beides darf nebeneinander bestehen.
„…. Es ist das Schaukeln, das die Heilung bewirkt, nicht das Stehenbleiben an einer der beiden Stellen. Der Sinn des Heilwerdens ist nicht, für immer glücklich zu werden, das ist vielleicht nicht möglich. Der Sinn der Heilung ist, wach zu sein. Und sein Leben zu leben, nicht bei lebendigem Leibe zu sterben. Heilung hängt damit zusammen, gleichzeitig ganz und zerbrochen zu sein.“ (Gene Roth)
Trauer ist keine Diagnose, die es zu heilen gilt.
Gute Trauerbegleitung gibt diesem Hin- und Herschaukeln Raum. Sie hält mit aus, wenn das Zerbrochene im Vordergrund steht, und darf ebenso dazu ermutigen, sich dem Leben zuzuwenden, wenn es wieder möglich wird.
Es geht nicht darum, irgendwann wieder „heil“ im Sinne von unversehrt zu sein. Es darf beides da sein: ganz und zerbrochen, Trauer und Leben.
Von der Haltung zum Konzept
Diese Haltung braucht einen Rahmen, der Sicherheit und Orientierung gibt, ohne einzuengen. Einen Rahmen, der unterschiedliche Menschen, Beziehungen und Bedürfnisse berücksichtigt und individuelle Wege möglich macht.
Genau darin liegt die Aufgabe guter Konzeptarbeit: nicht Menschen an ein fertiges Konzept anzupassen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen gute Trauerbegleitung möglich wird.
Meine langjährige Arbeit mit Menschen in unterschiedlichen Lebens- und Beziehungssystemen, mit Familien, Gruppen, jungen Menschen und Erwachsenen bildet dafür eine wichtige Grundlage. Die Erfahrungen daraus fließen in meine Konzeptentwicklung ebenso ein wie in die psychosoziale Fachberatung und Begleitung von Fachkräften, Teams und Einrichtungen.
Ob in der Begleitung eines einzelnen Menschen, in einer Gruppe, beim Aufbau eines Trauerangebotes oder in einer Einrichtung – am Anfang steht immer dieselbe Frage:


